Zivilgesellschaft und Nichtsregierungsorganisationen

Der Begriff Zivilgesellschaft steht vor allem für die gesellschaftliche Selbstorganisation von Menschen. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Fähigkeit einer Gesellschaft zur Selbstorganisation und dem Grad ihrer demokratischen Verfasstheit. Die am Gemeinwohl orientierten Nichtregierungsorganisationen (Non-Governmental-Organization, NGO) sind vorwiegend in den Bereichen humanitäre Hilfe, Menschenrechte, Umwelt und Entwicklungspolitik engagiert. Mit zunehmender Globalisierung haben sich zivilgesellschaftliche Initiativen, Vereine und Verbände auch grenzüberschreitend organisiert.

Formen zivilgesellschaftlichen Engagements

Bürgerschaftliches Engagement steht für ehrenamtliche Arbeit in Vereinen, in der Nachbarschaft und anderen Zusammenschlüssen, aber auch für Mitarbeit in politischen Kampagnen, Bürgerinitiativen und Protestgruppen. Letzteres hat in den vergangenen Jahrzehnten an Bedeutung zugenommen, während konventionelle Formen der politischen Partizipation wie die Ausübung des Wahlrechts oder Partei- und Gewerkschaftsmitgliedschaften an Zuspruch verloren haben. Sehr viele Menschen haben seit 2015 Flüchtlinge in vielfacher Hinsicht unterstützt; das war ein deutlicher Beweis für das Potenzial zivilgesellschaftlichen Engagements in Deutschland.

Nach Angaben des „Altas der Zivilgesellschaft“ leben nur zwei Prozent der Weltbevölkerung in Staaten, in denen sie ihre Grundrechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit uneingeschränkt wahrnehmen dürfen. Die Türkei ist ein Beispiel dafür, wie innerhalb kurzer Zeit die Möglichkeiten der Zivilgesellschaft massiv beschränkt wurden. In Folge eines gescheiterten Militärputsches im Juli 2016 wurde in der Türkei der Ausnahmezustand ausgerufen. Es kam unter anderem zu Massenverhaftungen. Die Behörden nutzten den Ausnahmezustand, um Demonstrationen komplett zu verbieten. Verdächtige kamen für undefinierte Zeit präventiv und unter unzumutbaren Bedingungen in Untersuchungshaft.

In der globalisierten Welt spielen internationale Umweltschutz-, Menschenrechts- oder globalisierungskritische Organisationen wie Attac oder Human Rights Watch eine große Rolle. Viele Bürger und Bürgerinnen möchten sich für ihre Ideale engagieren und die Zukunft der Welt aktiv mitgestalten. In NGOs finden sie Mitstreiter und auch die Organisationsform für ihre Anliegen. Wenn die Vereinten Nationen große Konferenzen einberufen, kommen sowohl die von den jeweiligen Staaten offiziell beauftragten Diplomaten und Vertreter als auch Vertreter von Nichtregierungsorganisationen zusammen.

Die Bedeutung internationaler Nichtregierungsorganisationen zeigt sich auch durch ihre stark gestiegene Anzahl: 1960 waren es rund 1.200, 30 Jahre später zählte man mehr als 22.000 Organisationen dieser Art. Im Jahr 2014 wurden sogar über 67.000 NGOs durch das internationale Institut „Union of International Associations“ erfasst. Rund 1.200 neue Organisationen kommen jedes Jahr hinzu.

Zivile Konfliktbearbeitung

Oft werden Konflikte, vor allem Kriege, militärisch beendet, um die Gewalt zu stoppen. Die dann folgende und notwendige Konfliktbearbeitung wird von vielen Nichtregierungsorganisationen mitgetragen, die unterschiedliche Vorgehensweisen der Auf- und Verarbeitung und der Krisenprävention anwenden. Dazu gehören beispielsweise:

  • Dialog und Schlichtung anregen
  • Ehemalige Kriegsteilnehmer in Gesellschaft und Alltag eingliedern
  • Wiedergutmachung
  • Täter-Opfer-Ausgleich
  • Heimkehrenden Flüchtlingen bei der Integration helfen
  • Benachteiligte Gruppen stärken

Frieden lernen: Jugendarbeit in Mali

„Der Konflikt in Mali von 2012 wirkt nach: Menschen sind traumatisiert, und Gewalt gehört noch immer zum Alltag, zum Beispiel in den Familien und in der Schule. Kinder und Jugendliche haben wenig Aussichten auf Jobs und Perspektiven für eine sichere Zukunft. So ist Eskalation bei Auseinandersetzungen von Jugendgruppen immer möglich. Ein wichtiger Partner für die Arbeit des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) ist in Gao/Mali der CRJ (Conseil Régional de la Jeunesse de Gao).

Als der ehemalige Rebellenführer Mahamadou Djéri Maiga zurück nach Gao kommt, brodelt es in der ganzen Stadt. Es kursiert das Gerücht, er wolle Schläferzellen der Rebellen aktivieren. Die Bevölkerung ist außer sich. Sie hat unter der Besatzung der Rebellen 2012 besonders gelitten. Der aus Gao stammende Maiga war daran maßgeblich beteiligt. Es formiert sich ein bewaffneter Lynchmob. Dabei will Maiga um Verzeihung bitten. Bevor die Situation eskaliert, greift der CRJ ein. Mit Beharrlichkeit und Feingefühl können die Mitglieder des Jugendverbandes die Gemüter beruhigen. ‚Um die Situation zu entschärfen, hat der CRJ eine Dringlichkeitssitzung bei den Honoratioren von Gao einberufen, an der die Führer der gewaltbereiten Jugendlichen teilnahmen‘, erinnert sich Boubacar Hama, damals Öffentlichkeitsreferent des CRJ: ‚Die Verhandlungen zogen sich über fünf Stunden hin. Wir bestanden darauf, den Konflikt gewaltfrei zu lösen. Mit unserer Beharrlichkeit hatten wir Erfolg.‘ Mit Unterstützung der lokalen Radiostation konnten auch die erhitzen Gemüter in der Bevölkerung abgekühlt werden.“

(Quelle: Konsortium Ziviler Friedensdienst (Hrsg.): Frieden lernen. Jugendarbeit in Mali, www.ziviler-friedensdienst.org > Friedenspädagogik > Mali)

Beispiele für zivilgesellschaftliches Engagement

Dein Tag für Afrika: „Aktion Tagwerk e. V.“ organisiert die bundesweite Kampagne „Dein Tag für Afrika“ für Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen und Schulformen. 2017 engagierten sich rund 200.000 Schüler aus 583 Schulen. Sie leisteten Hilfsdienste im Freundes- und Familienkreis oder veranstalteten gemeinsame Aktionen im Klassenverband. Den Lohn ihres „Tagwerks“ spendeten sie für Bildungsprojekte in verschiedenen Staaten Afrikas. Der Gesamterlös des Jahres 2017 betrug 1,4 Millionen Euro.
(Quelle: www.aktion-tagwerk.de)

Der zivile Friedensdienst: Der „Zivile Friedensdienst“ ist ein Programm von deutschen Friedens- und Entwicklungsorganisationen, das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert wird. Fachkräfte unterstützen dabei örtliche Partnerorganisationen in Krisenregionen, gewaltsame Konflikte im Vorfeld zu verhindern (Krisenprävention), friedlich beizulegen (Gewaltminderung) und friedensfördernde Strukturen auf- und auszubauen (Konfliktnachsorge).
(Quelle: www.ziviler-friedensdienst.org)

Sozialer Tag: Jedes Jahr organisiert der als Schülerinitiative gegründete Verein „Schüler Helfen Leben e. V.“ den bundesweiten Sozialen Tag, an dem Schüler jeder Altersstufe und Schulform teilnehmen können. Sie suchen sich an diesem Tag einen Job – helfen im Garten oder waschen das Auto des Nachbarn – und spenden ihren Lohn. Mit den Einnahmen werden Kinder und Jugendliche in Flüchtlingslagern in Bosnien sowie in Jordanien an der Grenze zu Syrien unterstützt. 2017 haben sich mehr als 70.000 Schüler am Sozialen Tag beteiligt. 
(Quelle: www.schueler-helfen-leben.de)

Wer ist zuständig: Zivilgesellschaft oder Staat?

Gerade auf kommunaler Ebene werden etliche Aufgaben, zum Beispiel die Lebensmittelausgabe bei den gemeinnützigen Tafeln, Begleitung von Migranten im Alltag und zu Behörden und Unterstützung von Krankenhauspersonal bei den einfachsten Aufgaben, von Mitgliedern der Zivilgesellschaft wahrgenommen. Solche Aktivitäten tragen zum Zusammenhalt in der Gesellschaft bei. Davon profitiert auch der Staat, weil Konflikte, Engpässe oder Probleme im Vorfeld vermieden oder gemindert werden, um die sich sonst Polizei, Sozialarbeiter oder anderes Personal kümmern müssten. Jedoch ergibt sich daraus die Frage: Überlässt der Staat damit zu viele seiner Aufgaben der Zivilgesellschaft?

Recherchetipps

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung www.bmz.de

Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe www.venro.org

Internationale Zusammenarbeit im deutschsprachigen Raum www.epo.de

Weiterdenken

Arbeiten Sie in Kleingruppen den Zusammenhang zwischen Zivilgesellschaft und NGOs heraus. Verwenden Sie dabei auch konkrete Beispiele für NGOs und ihre Bedeutung für den jeweiligen Bereich in der Zivilgesellschaft.

Ermitteln Sie gemeinsam Gründe, die für eine Konfliktnachsorge sprechen.

Diskutieren Sie, welche Folgen es für die Bevölkerung, die internationalen Beziehungen, die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse und die ehemaligen Konfliktparteien haben kann, wenn eine Aufarbeitung nach einem gewaltsamen Konflikt unterbleibt.