Armut und Globalisierung

„Armut ist die schlimmste Form der Gewalt“ – dieses Zitat des indischen Pazifisten Mahatma Gandhi verdeutlicht die verheerenden Folgen, die fehlende materielle Grundlagen für den Einzelnen haben können. Trotz global sinkender Zahlen ist und bleibt Armut ein Schlüsselproblem der Gegenwart. Die Globalisierung, also die weltweite wirtschaftliche und kulturelle Vernetzung, spielt dabei eine umstrittene Rolle.

Was ist Armut?

Jeder Mensch, der in Armut lebt, empfindet seine Situation und die Folgen, die sich daraus ergeben, anders. Dennoch haben sich bestimmte Definitionen durchgesetzt, mit denen der Zustand Armut messbar geworden ist. Grundlegend unterscheidet man dabei zwischen absoluter und relativer Armut. Absolute Armut bedeutet, dass die Grundversorgung der betroffenen Menschen nicht gesichert ist. Einer Berechnung der Weltbank zufolge betrifft dies alle Menschen, denen täglich weniger als 3,20 US-Dollar Kaufkraft zur Verfügung stehen. Die Darstellung dieser Grenze in US-Dollar soll einen internationalen Vergleich ermöglichen. Anders ausgedrückt bedeutet das, dass die Betroffenen täglich nicht die Menge an Gütern kaufen können, die in den USA 3,20 Dollar kosten würde. Von extremer Armut spricht man, wenn dieser Wert bei 1,90 Dollar liegt. In Deutschland beispielsweise gäbe es nach dieser Definition de facto keine Armut. Mit dem Konzept der relativen Armut hat man eine Messgröße geschaffen, die auch in Industrieländern angewendet werden kann. Die Referenzgröße bildet hierbei das mittlere Einkommen in dem entsprechenden Land. Wer weniger als 60 Prozent dieses Betrages zur Verfügung hat, gilt dementsprechend als arm. Für eine Einzelperson lag dieser Wert in Deutschland im Jahr 2017 bei 1.096 Euro im Monat.

Gewinner der Globalisierung

Während im Jahr 1981 noch 44 Prozent der Weltbevölkerung (zwei Milliarden Menschen) von extremer Armut betroffen waren, sank
dieser Wert bis 2015 auf unter zehn Prozent (700 Millionen Menschen). Dennoch sind dabei enorme regionale Unterschiede festzustellen. Im ostasiatischen Raum sank der Wert von 80,6 auf 7,2 Prozent. Allein in China reduzierte sich die Zahl der Menschen in extremer Armut zwischen 1981 und 2011 nach Angaben der Weltbank um 753 Millionen. Das riesige Land gilt dabei als ein großer Gewinner der Globalisierung. Unter diesem Begriff versteht man die zunehmende weltweite Vernetzung von Märkten für Güter, Dienstleistungen und Kapital. Neue Kommunikations- und Trans porttechniken ermöglichten diese Entwicklung.

So ist es durch das Internet möglich, weltweit in Echtzeit und ohne hohe Kosten zu kommunizieren. Auch die Kosten für den weltweiten Transport von Gütern sanken in den vergangenen Jahrzehnten erheblich. Ab 1978 öffnete sich China schrittweise dem Westen. Die hoch entwickelten Industriestaaten bekamen daher die Möglichkeit, ihre Produktionsstätten, vor allem für Kleidung und Spielzeug, nach China zu verlagern, wo wesentlich billiger produziert werden konnte. Durch den wachsenden Reichtum der Chinesen wurde das Land auch ein interessanter Absatzmarkt für westliche Produkte, vor allem aufgrund der Einwohnerzahl des Landes. So entwickelte sich China von einem planwirtschaftlichen Agrarstaat zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Trotz aller Erfolge bei der Beseitigung von Armut ist China ein sozial gespaltenes Land. Einer gewachsenen Oberschicht mit rund 1,6 Millionen Millionären steht eine nach wie vor verarmte Landbevölkerung gegenüber. Die Armutsbekämpfung bleibt daher ein zentrales Anliegen der chinesischen Regierung. Bis 2020 soll es keine Armut mehr geben, wie es im aktuellen Fünfjahresplan heißt.

Verlierer der Globalisierung

Die Entwicklung Chinas ist beispielhaft für die enorme wirtschaftliche Dynamik des ostasiatischen Raumes, die zum starken Rückgang der extremen Armut in dieser Region geführt hat. Ganz anders sieht dies auf dem afrikanischen Kontinent aus, insbesondere in der Region südlich der Sahara. Dort lebten in absoluten Zahlen im Jahr 2012 mehr Menschen in extremer Armut als 1990 (389 gegenüber 288 Millionen), wobei sich der Anteil der Menschen in extremer Armut an der Gesamtbevölkerung von 56,8 auf 42,7 Prozent reduzierte. Als Gründe für die anhaltende Armut in diesen Staaten werden eine schlechte Infrastruktur, Korruption innerhalb der regierenden Eliten, fehlende Rechtssicherheit oder eine leistungsschwache Verwaltung genannt.

Doch auch hier lassen sich Effekte des Welthandels und der Globalisierung feststellen, jedoch unter anderen Vorzeichen als beispielsweise in China. So leiden viele Länder unter den billigen Importen aus der Europäischen Union, vor allen Dingen im Sektor der Landwirtschaft. Die EU subventioniert ihre Bauern mit rund 60 Milliarden Euro pro Jahr. Das hat zur Folge, dass die Bauern mehr produzieren als eigentlich in Europa benötigt wird. Die Überproduktion führt dazu, dass europäische Erzeugnisse in Afrika weit unter den Preisen der örtlichen Produkte angeboten werden können. Einheimische Produzenten und Märkte werden so ruiniert und die Menschen in Arbeitslosigkeit und ohne soziale Sicherungssysteme in Armut getrieben. Aufgrund von Freihandelsverträgen haben die afrikanischen Länder nicht die Möglichkeit, Strafzölle auf europäische Produkte zu erheben, um damit die heimische Wirtschaft zu schützen und zu entwickeln.

Muss man Kleidung aus Bangladesch boykottieren?

„Die meisten internationalen Modemarken lassen in Bangladesch produzieren. Und zwar nicht nur die Billigketten, sondern auch die Luxus-Labels. Denn die Arbeitslöhne sind dort unschlagbar billig. Arbeitskräfte, die sich ausbeuten lassen, um zu überleben, stehen in dem überbevölkerten Land Schlange. Außerdem lassen sich in diesem korrupten Staat Sozial- und Umweltstandards leicht umgehen. Soll man deshalb Mode aus Bangladesch boykottieren? Nein, soll man nicht. Das wäre das Schlimmste, was den Näherinnen passieren könnte. Denn die Textilindustrie hat das Land nach vorne gebracht, es lebt von der Branche – und baut seine Zukunft darauf auf. (...) Gerade Frauen haben von der Textilindustrie profitiert. Sie waren nichts wert in Bangladesch, durften nicht zur Schule, wurden oft schon mit 14 Jahren verheiratet. Jetzt sind sie die Haupternährerinnen der Familie – wertvoll und wichtig. Hört man auf, deutsche Standards anzulegen, und vergleicht den Lohn der Näherinnen mit anderen Berufen im Land, gehören die Textilarbeiterinnen zu den Gutverdienern. Also die Billig-T-Shirts kaufen? Auch an dieser Stelle ein klares Nein. T-Shirts für einen Euro muss man boykottieren. Wer die kauft, der sorgt dafür, dass sich nichts ändert an der Sklavenarbeit. (...) Hinschauen, Druck machen, einfordern: Das ist unsere Pflicht. In der globalisierten Welt müssen die wohlhabenden Industriestaaten Verantwortung für die Entwicklungsländer übernehmen. Dazu gehört auch, dafür zu sorgen, dass die Näherinnen in Bangladesch unter menschenwürdigen Bedingungen und zu fairen Löhnen für uns arbeiten. Denn wenn wir die Lebensumstände der Menschen in ihren Heimatländern nicht verbessern, kommt es zu jenen Flüchtlingsbewegungen, wie wir sie gerade erleben. Dann machen sich die Menschen auf zu uns. In die Länder, in denen sich die Menschen eine einzige Jeans für 100 Euro leisten können. Diese Summe verdienen sie meist nicht mal im Monat.“

 

(Quelle: Andrea Kümpfbeck: „Muss man Kleidung aus Bangladesch boykottieren?“, Augsburger Allgemeine, 15. Oktober 2015, www.augsburger-allgemeine.de)

Leben in Armut

Daten: Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP): Bericht über die menschliche Entwicklung, Human Development Index 2018
Regionen Naher Osten und Nordafrika Ostasien und Pazifik Europa und Zentralasien Lateinamerika und Karibik Südasien Afrika südlich der Sahara
chronische Unterernährung bei Kindern unter 5 Jahren von 2010 bis 2016 24,2 % 17,8 % 13,1 % 12,8 % 37,4 % 36,4 %
von je 1.000 Kindern sterben vor dem 5. Lebensjahr 35 Kinder 17 Kinder 17 Kinder 17 Kinder 46 Kinder 77 Kinder
durchschnittliches jährliches Bevölkerungswachstum von 2015 bis 2020 (Prognose) 1,9 % 0,9 % 0,8 % 1,0 % 1,2 % 2,7 %
Durchschnittsalter der Bevölkerung von 2006 bis 2016 24,3 Jahre 34,3 Jahre 32,2 Jahre 29,2 Jahre 26,1 Jahre 18,3 Jahre
Anteil der alphabetisierten Bevölkerung, 15 Jahre und älter 77,3 % 94,4 % 98,2 % 92,8 % 68,7 % 59,9 %

Recherchetipps

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung www.bmz.de

Hamburger Bildungsserver www.bildungsserver.hamburg.de > Themenschwerpunkte > Globalisierung

Bundeszentrale für politische Bildung www.bpb.de > Nachschlagen > Zahlen und Fakten > Globalisierung

Weiterdenken

Fassen Sie in Einzelarbeit zusammen, welchen Einfluss die Globalisierung auf die Entwicklung der Armut weltweit hat.

Recherchieren Sie in Gruppenarbeit, welche Menschen in Deutschland ein besonders hohes Armutsrisiko haben. Entwickeln Sie politische Maßnahmen zur Armutsbekämpfung in Deutschland, und beurteilen Sie diese anhand der Kategorien Effizienz und Legitimität.

Muss man Kleidung aus Bangladesch boykottieren? Arbeiten Sie die im Text genannten Argumente in Gruppenarbeit heraus, und ergänzen Sie diese um eigene Ansätze. Sammeln Sie in zwei Gruppen die entsprechenden Ansätze, und führen Sie darauf aufbauend im Plenum eine Pro-und-Kontra-Diskussion.