Grundbegriffe Frieden und Sicherheit

Voller Staub und Blut sitzt Omran im Krankenwagen und starrt apathisch ins Leere. Im Sommer 2016 wurde sein Haus im syrischen Aleppo nach einem Raketenangriff komplett zerstört. Der Junge wurde 2011 geboren, im gleichen Jahr begann der blutige Bürgerkrieg in seiner Heimat. Omran hat bis heute noch keinen Frieden erlebt. Er wächst im Krieg und in einer zerstörten Heimat auf. Sein Bild wurde zum Symbol für Tausende anderer Kinder überall auf der Welt, denen es genauso geht. Die Vorstellung von Frieden ist in vielen Regionen der Welt noch immer ein unerfüllter Traum.

Eine friedliche Welt, in der alle Menschen in Harmonie und Sicherheit leben können, ist und bleibt eine unerfüllte Wunschvorstellung, die so alt ist wie die Menschheit selbst. Seit Jahrtausenden beschäftigen sich Philosophen und andere Denker mit der Frage, wie ein solcher Zustand zu erreichen ist. Doch um Wege zum Frieden zu finden, muss man sich erst darüber bewusst werden, wann genau Frieden überhaupt herrscht.

Krieg als Naturzustand?

„Der Mensch ist des Menschen Wolf“ – dieses berühmte Zitat geht auf den englischen Philosophen Thomas Hobbes zurück, der im 17. Jahrhundert lebte. Er fasste damit sein Menschenbild zusammen, das davon ausgeht, dass der Normalzustand menschlichen Lebens ein Krieg aller gegen alle ist. Folgt man dieser Prämisse, dann ist Frieden ein Zustand, der gezielt herbeigeführt beziehungsweise gestiftet werden muss. Nach Hobbes bedarf es dazu einer mächtigen Autorität, eines „Leviathan“, der alle dazu nötigen Zwangsmittel durchsetzen kann. Dies könne nur funktionieren, wenn sich alle Menschen freiwillig dieser Zwangsherrschaft unterwerfen und Teile ihrer Freiheit aufgeben; immer vorausgesetzt, dass alle anderen dies auch tun.

Die Vorstellung, dass der Mensch von Natur aus gewalttätig und seinen Mitmenschen gegenüber feindlich gestimmt ist, nahm auch der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724 –1804) als Ausgangspunkt für seine Überlegungen zum „Ewigen Frieden“. Anders als Hobbes weist Kant dem Menschen jedoch die Eigenschaft der moralischen Vernunft zu. Diese ermögliche es, den kriegerischen Naturzustand zu überwinden, wenn sich daraus entsprechende Rechte und Gesetze entwickelten, an die sich alle Menschen halten. Zudem hatte Kant konkrete Vorstellungen davon, in welchem institutionellen Rahmen der Zustand des Friedens zu erreichen sei. So sei eine republikanische Verfassung die Voraussetzung, dass Menschen, die (auch) über ihr eigenes Schicksal entscheiden, weniger dazu neigen, einen Krieg zu führen. Darüber hinaus formulierte Kant erstmals die Idee eines Völkerbundes, in dem sich die Staaten dazu verpflichten, gegenseitig ihre Freiheit und Souveränität zu achten, was das Ideal eines „ewigen Friedens“ ermögliche.

Negativer und positiver Frieden

Die Vorstellung, dass Frieden einfach ein Zustand des „Nicht-Krieges“ ist, hat der norwegische Friedensforscher Johan Galtung im 20. Jahrhundert mit dem Begriff „negativer Frieden“ bezeichnet. Ein solcher negativer Frieden herrscht demnach, wenn es zu keiner „direkten, personalen Gewalt“ kommt. Von direkter Gewalt spricht man nach Galtung, wenn es einen eindeutig identifizierbaren Sender gibt, der die Folgen der Gewaltanwendung gezielt beabsichtigt. Dies kann beispielsweise durch eine offizielle Kriegserklärung dokumentiert werden. Negativer Frieden kann demnach durch einen Waffenstillstand oder jegliche andere Form der Beendigung einer gewaltförmigen Konfliktaustragung hergestellt werden.

Wesentlich schwieriger zu erreichen ist der Zustand des „positiven Friedens“. Voraussetzung dafür ist es, dass es zu keiner „indirekten, strukturellen“ Gewalt kommt. Diese Form von Gewalt herrscht überall dort, wo Menschen unterdrückt, diskriminiert oder ungerecht behandelt werden, zum Beispiel weil sie keinen Zugang zu Bildung, einer angemessenen Gesundheitsvorsorge oder überlebenswichtigen Ressourcen erhalten. Hierbei muss es auch keinen bewussten „Täter“ geben, der diese Form der Gewalt gezielt anwendet. Eine Tatsache, die den Opfern struktureller Gewalt kaum Trost spendet. Positiver Frieden herrscht in der Folge dann, wenn es in allen Gesellschaftsbereichen keine personale und keine strukturelle Gewalt gibt. Schnell wird deutlich, wie schwierig ein solcher Zustand zu erreichen ist. Voraussetzungen für eine friedliche Gesellschaft formulierte auch der deutsche Forscher Dietrich Senghaas. In seinem zivilisatorischen Hexagon benennt er sechs Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit dauerhafter Frieden möglich ist.

Das zivilisatorische Hexagon

Sicherheit im Wandel

Einen ähnlichen Wandel wie die Vorstellungen darüber, was unter Frieden zu verstehen ist, hat auch der Sicherheitsbegriff vollzogen. Traditionell verstand man unter Sicherheit die Aufgabe des Staates, sein Territorium und seine Bürger vor feindlichen Angriffen zu schützen, sei es durch andere Staaten oder Individuen. Dabei kam es zur Unterscheidung zwischen den Politikfeldern innere Sicherheit (Bekämpfung von Kriminalität) und äußere Sicherheit (Sicherheits- und Verteidigungspolitik). Dieses Verständnis von Sicherheit hat sich jedoch als zu eindimensional erwiesen. Zahlreiche Risiken, die das menschliche Grundbedürfnis nach Sicherheit beeinflussen, werden dadurch nicht erfasst. In der Folge etablierte sich die Vorstellung einer „erweiterten Sicherheit“, mit der man sich auch auf Phänomene wie Terrorismus, Naturkatastrophen oder Ressourcenverknappung bezieht. Die Vereinten Nationen entwickelten vor diesem Hintergrund das Konzept der „menschlichen Sicherheit“ (human security), das maßgeblich im Bericht über die menschliche Entwicklung im Jahr 1994 beschrieben wurde. Hierbei steht nicht mehr der Schutz des Staates im Mittelpunkt, sondern der des Individuums.

Recherchetipps

Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen für Westeuropa www.unric.org/de

Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg www.lpb-bw.de 

Bayerischer Rundfunk – Thema: Vom Ende aller Kriege www.br.de

Weiterdenken

„Frieden herrscht, wenn ...“ Erläutern Sie Ihre Vorstellung des Begriffs Frieden, indem Sie diesen Satzanfang in Einzelarbeit vollenden.

Fassen Sie die Friedensdefinitionen von Galtung und Senghaas in Partnerarbeit mit eigenen Worten zusammen. Vergleichen Sie die beiden Ansätze mit den Ergebnissen Ihres Kurses.

„Der ungerechteste Frieden ist immer noch besser als der gerechteste Krieg.“ Diskutieren Sie dieses Zitat des römischen Politikers und Philosophen Marcus Tullius Cicero.