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Frieden & Sicherheit-Zusatzmaterial: Entwicklungspolitik

Zusatzmaterial: Entwicklungspolitik

Zusatzmaterial zum Schülermagazin (Seiten 22/23)

Hunger ist Politik, kein Schicksal

Jean Ziegler, VN-Sonderberichterstatter für Nahrung, fordert ein Umdenken in der internationalen Armuts- und Hungerbekämpfung:

 

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat errechnet, dass die Weltlandwirtschaft derzeit ohne Probleme zwölf Milliarden Menschen mit Grundnahrungsmitteln versorgen könnte. Dennoch sind von den weltweit etwa sieben Milliarden Menschen mindestens 925 Millionen permanent schwerst unterernährt. […] Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Hunger ist Mord. […] Es gibt natürlich nicht einen einzelnen Verantwortlichen, aber jeder von uns trägt dazu bei, dass es den Mördern leicht gemacht wird: Monopolistische Agrarkonzerne kontrollieren und manipulieren den Markt für Grundnahrungsmittel. Dieser Prozess wird dann auch noch gesteigert, weil wir in großem Stil Nahrungsmittel in den Tanks unserer Autos verbrennen. Für den Tank eines Mittelklassewagens mit 50 Litern müssen fast 360 Kilogramm Mais verbrannt werden. In  Gambia und Mexiko ist Mais ein Grundnahrungsmittel, von 360 Kilogramm Mais könnte dort ein Kind ein Jahr überleben. Und als wäre all das nicht genug, explodiert infolge des Booms der Agrartreibstoffe das ‚Land Grabbing‘. Internationale Organisationen wie die Weltbank helfen, Kleinbauern ihr Land zu stehlen. Es ist für die multinationalen Konzerne extrem lukrativ, sich in Entwicklungsländern riesige Ackerbauflächen zu sichern und diese dann mit Monokulturen vollzupflastern. Die Kleinbauern vor Ort können in den seltensten Fällen beweisen, dass ihnen das Land gehört. Oder sie werden einfach gewaltsam vertrieben. Die großen Konzerne arbeiten mit korrupten Regierungen zusammen. Auch die Finanzbranche treibt mit Börsenspekulationen auf Nahrungsmittel die Preise nach oben. Und mit Abstand am verheerendsten sind natürlich die verbrecherischen Agrar- und Export-Subventionen der Industriestaaten. […] Lebensmittel aus der EU überschwemmen Afrikas Märkte. Sie können dort fast überall Produkte aus Deutschland, Frankreich oder Griechenland kaufen, die ein Drittel billiger sind als die einheimischen. […] Was bedeutet das weltweit für die Kleinbauern? Sie verlieren ihre Lebensgrundlage und landen im Elend. Und wenn sie dann auf der Arbeitssuche nach Europa flüchten, versucht die EU, das mit allen Mitteln zu verhindern. […] Die meisten Entwicklungsländer sind hoffnungslos verschuldet – mit etwa 2,1 Billionen Dollar. Und sie haben auch keine Chance, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Ganz im Gegenteil, wenn sie ein Schuldenmoratorium oder eine Umfinanzierung wollen, dann müssen sie sich dem Diktat des IWF (Internationaler Währungsfond) unterwerfen – das nennt sich dann Strukturanpassungprogramm. […] Meist bedeutet das massive Kürzungen der Ausgaben im Gesundheitswesen, Bildungs-und Sozialbereich – oder aber bei Subventionen auf Grundnahrungsmittel. Infolge der Finanzkrise setzen […] Finanzhaie nun auch auf die Spekulation mit Agrarrohstoffen, vor allem Grundnahrungsmittel. […] Die Preise für Grundnahrungsmittel schossen in die Höhe, und zusätzliche Millionen Menschen wurden systematisch in den Hunger getrieben. […] All  die mörderischen Mechanismen, die für den Hunger verantwortlich sind, sind von Menschen gemacht – und können natürlich auch von Menschen geändert werden.

 

Quelle: Jean Ziegler, „Hunger ist Politik, kein Schicksal“, 19.9.2012, www.tagesschau.de

 

Arbeitsaufträge:

Einzelarbeit
Markieren Sie im Text die von Jean Ziegler vorgebrachten Missstände und erstellen Sie eine nach Themen geordnete Liste der Anschuldigungen.

 

Gruppenarbeit
Recherchieren Sie Hintergrundinformationen zu einem Aspekt aus Ihrer Liste, und erläutern Sie die wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge in einem einseitigen Handout. Recherchieren Sie Argumente oder Fakten, die Zieglers These stützen oder widerlegen.

 

Plenum
Erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer Arbeitsergebnisse, welche globalen wirtschaftspolitischen Strukturen der Entwicklungszusammenarbeit und der Friedenssicherung entgegenwirken.

Online-Magazin

Abbildung Schülermagazin 2019

Das aktuelle Schülermagazin Frieden & Sicherheit können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

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